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Einführung

Die zimbabwische Steinskulptur ist eine singuläre Erscheinung im Kontext der afrikanischen Kunst. Eine vergleichbare Kunst hat es in keinem anderen afrikanischen Land gegeben. Singulär ist diese Kunst auch insofern, als sie praktisch aus dem Nichts, also aus keiner Tradition heraus entstand und sich nach etwa dreißig Jahren in die Anonymität einer Massenproduktion für den Folklore-Markt wieder aufzulösen begann. Heute ist es wahrscheinlich berechtigt, davon zu sprechen, dass es diese Kunstrichtung nicht mehr gibt.

Es waren die besonderen Umstände der Geschichte des Landes, die zu diesem Aufstieg und Niedergang beigetragen haben. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Südrhodesien, wie Zimbabwe damals hieß, zur Bühne eines vergleichsweise liberalen multirassischen Experiments, zumindest in kultureller Hinsicht. In der Hauptstadt Harare wurden eine Universität sowie eine Nationalgalerie gegründet. Der erste Direktor der neuen Nationalgalerie wurde der Brite Frank McEwen. Seine Rolle bei der Entwicklung der „neuen Kunstrichtung“ kann nicht überschätzt werden. Er hatte in den dreißiger Jahren in Paris erfahren, welche Impulse von der ethnischen afrikanischen Kunst für die moderne europäische Malerei und Plastik ausgingen. Sein Interesse war, zu den Wurzeln selbst zu gehen, die kreativen Potenzen Afrikas aufzuspüren und in dem aufgeschlossenen Klima Rhodesiens die Entwicklung der einheimischen, wie er dachte, unverfälschten Kunst zu fördern.

Es geht nicht darum, zu behaupten, dass es davor keine plastischen Traditionen auf dem Boden Zimbabwes gegeben hat. Aber der Blick auf die afrikanische Kunstgeschichte der letzten zweitausend Jahre zeigt, dass der gesamte Süden Afrikas verglichen mit West- und Zentralafrika arm an Artefakten war. Er war zu dünn besiedelt. Es fehlten die großen Königreiche, deren Macht die kultische Kunst der Vergangenheit in der Regel repräsentierte. Nur in Great Zimbabwe, im Reich des Monomutapa, hatte es kultische Adlerfiguren aus Stein gegeben. Aber ihre bildhauerische Tradition war lange mit dem Reich untergegangen. Daß diese Figuren im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Steinbildhauerei immer wieder zitiert werden, hat mit dem Bedürfnis der neuen Regierung zu tun, auch das kulturelle Selbstwertgefühl der Nation zu stärken. Vor allem aber hat die falsche Berufung auf die Tradition mit den Vermarktungsbedürfnissen der Galeristen zu tun. Das „typisch Afrikanische“ verkauft sich einfach besser.

Maßgeblich angeregt und gefördert von McEwen entwickelte sich Mitte der sechziger Jahre eine Szene junger talentierter afrikanischer Steinbildhauer. Zu den ersten gehörten Yoram Mariga, John Takawira, Henry Munyaradzi, Nicolas Mukomberanwa und Joseph Ndandarika. Sie alle wurden später die führenden Repräsentanten der neuen Bewegung. McEwen verlangte von den noch jungen Künstlern, Kunst um der Kunst willen zu machen und sich von ihren inneren Bildern und den Mythen ihres Volkes, der Shona, inspirieren zu lassen. Der Begriff der Shona Sculpture war geboren. 1965 wurden die ersten Arbeiten im Ausland gezeigt. 1968 waren Arbeiten in einer Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Mit der Sonderausstellung im Pariser Musée Rodin erfolgte die internationale Anerkennung. In ihren Motiven waren diese frühen Arbeiten durchaus afrikanisch. In oft anthropomorphen Figuren versinnbildlichten sie den Glauben an die ursprüngliche Einheit von Mensch und Tier. Dabei spielten Adler und Affe eine bedeutende mythische Rolle. In ihrem Stil waren diese Arbeiten oft „archaisch“ oder „primitiv“ und erinnerten an die Kunst der Azteken, Mayas und Eskimos. Gleichwohl wäre es verfehlt, von einem einheitlichen Stil zu sprechen.

Vielmehr entwickelten im Laufe der Jahre die bedeutenden Künstler eigene Personalstile. Henry Munyaradzis minimalistische Gestaltung des menschlichen Kopfes erinnerte an Paul Klee. Nicholas Mukomberanwas Arbeiten schienen vom Kubismus beeinflusst. Bei John Takawira konnte man eine expressive Auflösung der Kontur sehen. Ohne Zweifel waren die Künstler westlichen Einflüssen ausgesetzt. Die Nationalgalerie zeigte Arbeiten von Picasso und Henry Moore und anderen bedeutenden Künstlern der europäischen Moderne, aber auch ethnische afrikanische Kunst. Es ist müßig darüber zu streiten, ob die Skulpturen, die damals entstanden, typisch afrikanisch waren oder nicht. Jedenfalls waren sie weder traditionell im engeren Sinne noch wirklich modern. Sie waren etwas Besonderes, eine Synthese, ein Experiment, eben die zimbabwische Steinbildhauerei.

Da Frank McEwen auf die genuine Inspiration aus dem Schatz des kollektiven Unbewussten setzte, verzichtete er darauf, die Künstler auszubilden. Statt dessen schirmte er sie gegenüber den schon damals aufkommenden Verlockungen der Kommerzialisierung ab, verwarf schlechte Arbeiten als „airport art“ (sie wurden tatsächlich zerstört) und verlagerte seine Workshop School aufs Land. 1965 erklärte die weiße Siedlerkolonie Südrhodesien ihre Einseitige Unabhängigkeit von der britischen Krone. Die internationalen Sanktionen, die daraufhin gegen das Land verhängt wurden, isolierten Südrhodesien nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Doch sollte sich dies für die neue Kunst als segensreich erweisen. Es gewährte den jungen Künstlern die Chance einer langsamen Reifung auf dem eingeschlagenen Weg. Die wachsende Reputation der „Shona Sculpture“ und das beginnende Interesse von Sammlern bot den besten Bildhauern eine ausreichende materielle Grundlage, um sich als professionelle Künstler zu etablieren, die nicht nur von ihrer Kunst, sondern auch für sie lebten.

Was damals reifte, konnte nach der Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1980 geerntet werden. Die achtziger Jahre waren der Höhepunkt der Bewegung und doch auch der Beginn ihres Niedergangs. Zahlreiche Ausstellungen im Ausland machten ihre bedeutendsten Vertreter bekannt und ermutigte sie, zu experimentieren und für ihre Arbeiten größere Format zu wählen. Oberflächen blieben roh behauen. Mit neuen Werkzeugen, vor allem härteren Meißeln, ließen sich härtere Steine wie Springstone, Lepidolit oder Verdit bearbeiten und leichter Durchbrüche gestalten. Junge Künstler stießen zu der Bewegung hinzu. Tapfuma Gutsa, der Kunst in London studiert hatte, arbeite in mixed media und verband oft in seinen eleganten Arbeiten Stein und Holz. Brighton Sangos Steinplastiken waren abstrakt. Sie erinnerten in nichts mehr an Afrika. Der Begriff „Shona Sculpture“ wurde bei Kunstkennern wie auch bei manchen Künstlern unpopulär. Fast schien es, als sei die zimbabwische Bildhauerei lebendig genug, um sich weiterzuentwickeln.

Doch nach der Unabhängigkeit setzten auch die Probleme ein. Es wurde immer offensichtlicher, dass die zimbabwische Steinbildhauerei weder traditionell noch typisch afrikanisch und nicht im Land verankert war. Sie hatte weder ein Publikum noch ein kritisches Echo seitens der einheimischen Presse. Selbst die wohlhabende neue Elite interessierte sich nicht für das, was ihre im Ausland bedeutendsten künstlerischen Repräsentanten hervorbrachten. Die großen jährlichen Ausstellungen der Nationalgalerie hießen zwar National Heritage Exhibition, aber es fehlten die künstlerischen Traditionen, auf die man sich im Namen der neuen Nation berief.  Die Qualität der Stücke nahm Jahr für Jahr ab, was die Kuratoren offensichtlich nicht daran hinderte, die Quantität der Exponate zu steigern. Genauso funktionierte der Markt. In der Hauptstadt ließen sich zahlreiche Galerien nieder, die alles anboten, was dem Geschmack der Touristen, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunahm, entsprach. Weil die Preise und die Umsätze stiegen, begannen immer mehr junge Zimbabwer, die kein Talent hatten, das zu kopieren, was sich verkaufen ließ. Das Ergebnis war ein bedauernswerter Verfall der Qualität und gleichzeitig eine Beschädigung der Reputation der ganzen Richtung. In den neunziger Jahren setzte sich dieser Trend zur airport art fort. Mit dem bedrohlichen Niedergang der Wirtschaft wuchs das Elend der afrikanischen Bevölkerung in den Städten wie auch auf dem Lande. Wer keine Arbeit hatte, versuchte sich im informellen Sektor über Wasser zu halten. Auf die Weise überflutete die Serienproduktion von Stücken, die bestenfalls Kunsthandwerk waren, in der Regel aber billiger Kitsch, den Markt und unterminierte vollends, was sich bis dahin entwickelt hatte.

Heute ist eine Rückschau auf die zimbabwische Skulpturenkunst möglich. Die führenden Künstler der frühen Jahre sind fast alle gestorben. Eine Generation von jüngeren Künstlern, deren Werk von künstlerischer Qualität und Kreativität geprägt wäre, konnte unter den beschriebenen Umständen nicht nachwachsen. Die Zeit war zu kurz und die Bewegung zu klein, als hätte das entstehen können, was gemeinhin die Kunst eines Landes ausmacht: Kontinuität und Wandel, Eigenart und gleichzeitig vielfältige Bezüge zum kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld. Zu schwach war die Resonanz in der eigenen Gesellschaft, und zu sehr wurde die Nachfrage von kommerziellen Interessen und touristischen Bedürfnissen bestimmt. Die zimbabwische Situation hat sich auch in dieser Hinsicht der anderer afrikanischer Länder angeglichen.

Umso wertvoller erscheinen heute im Rückblick die Arbeiten der bedeutendsten Vertreter der frühen Periode. Ihre Qualität hat den Namen der zimbabwischen Steinskulptur in der Welt überhaupt erst begründet. Die Originalität und Unverwechselbarkeit von Künstlern wie Nicolas Mukomberanwa, John Takawira und Henry Munyaradzi ist unbestritten, auch wenn ihr Werk auf einem Synkretismus, auf einer ambivalenten Verbindung von afrikanischer Tradition und europäischer Moderne aufbaut, die den Eindruck zugleich des Vertrauten wie des Fremden erweckt. Heute, da die Bewegung praktisch ihre Konturen verloren hat, gelangen solche Arbeiten zumeist nur noch aus Privatsammlungen auf den Markt. Meine Sammlung entstand in den Jahren 1982 bis 1993, in denen ich in Zimbabwe lebte und u.a. Geschäftsführer der Zimbabwe German Society war. Bei ihrem Aufbau habe ich mich auf die bekannten Künstler der ersten Generation konzentriert, ergänzt um solche Werke, die in ihrem Umfeld entstanden und von eigener, besonderer Qualität sind. Was ich gegenwärtig zum Verkauf anbiete, ist ein Ausschnitt aus dieser Sammlung.

Volker Wild